(mit Magdalena Kladzinski)

Gesine Seyberth, Anke Ullrich und Magda Kladzinski besprechen sich
Gesine Seyberth, Anke Ullrich und Magda Kladzinski besprechen sich

In Zusammenarbeit mit ihren europäischen Partnerschulen führte die zu evaluierende Schule ein auf drei Jahre angelegtes COMENIUS-Programm durch. Die beteiligten SchülerInnen der 9. Klassen des Gymnasialzweiges und ihre Lehrer erhielten die Gelegenheit, die Kultur ihrer Partnerländer durch fächerübergreifenden Unterricht, AG-Arbeit und in persönlichen Begegnungen kennen zu lernen. Ziel des Programms war es, ein Verständnis für die Menschen der jeweilig anderen Kultur zu entwickeln bzw. zu fördern, d.h. Spannungen und Fremdheiten zu vermindern und einen kleinen Bildungsbeitrag zur Kooperation in Europa zu leisten. Die HSFK hatte – neben der Beratung bei der Gestaltung des Programms – die prozessuale Evaluation sowie die Konzeption und Durchführung eines Schülerprojektes „Demokratie“ übernommen.

Zusammenfassung der Ergebnisse:

Zusammenfassend kann festgestellt werden, dass die Bewertungen des ersten COMENIUS-Programmjahres durch die Schülerinnen und Schüler sowohl positive als auch negative Anteile beinhalten. Als positiv bewerteten die Jugendlichen Erfahrungen, die sie im Zusammenhang mit nichtschulischen Aktivitäten wie etwa den persönlichen Begegnungen und den Reisen gemacht haben. Durch das unmittelbare In-Kontakt-Treten mit Schülerinnen und Schülern aus fremden Kulturen habe die Möglichkeit unmittelbarer Konfrontation mit „Andersartigkeit“ bestanden. Außerdem hätten neue Kontakte geknüpft und Freundschaften geschlossen werden können. Dem Aspekt Begegnung kommt aber nicht nur deswegen ein hoher Stellenwert zu, weil er von Jugendlichen so positiv bewertet wurde, sondern vor allem deshalb, weil durch ihn die Jugendlichen persönliche Erfahrungen mit kulturellen Unterschieden machen und einen ersten persönlichen Eindruck der Probleme mit Interkulturalität gewinnen konnten.

Die Organisationsstruktur des COMENIUS-Programms wurde auf der Ebene der Vorplanung, Vorbereitung, Durchführung und Nachbereitung von den Schülerinnen und Schülern aller teilnehmenden Schulen aller Länder deutlich kritisiert. Fehlende Transparenz in der Planung, Gestaltung, in der Aufgabenverteilung und im Zeitmanagement der Projekte, mangelnde Unterstützung seitens der Lehrkräfte in weniger bedeutsamen Programmphasen, eine nur geringe Entscheidungsfreiheit bzgl. der Projektwahl und der zeitweilige Eindruck eines allgemeinen Organisationschaos waren für schlechte Stimmung bei den Programmteilnehmern und für ein kontinuierliches Absinken der Motivation verantwortlich.

Pressebericht Comeniusprogramm

Diese ernüchternde Feststellung hängt einerseits wahrscheinlich mit der unzureichenden Ausstattung des Programms an zeitlicher Freistellung der Lehrkräfte und finanzieller Mittel sowie dem Problem zusammen, eine Organisationsform selbstverantwortlicher Projektarbeit in einem Systemkontext zu etablieren, der einem curricularen Bildungsverständnis mit den entsprechenden Lehr- und Lernritualen folgt. Die Organisation eines Programmrahmens wie der, der für die KSSK entwickelt wurde, mit den dort zur Verfügung gestellten zeitlichen, personellen und finanziellen Mitteln gelingt offenbar nur dann, wenn man ein gewisses Chaos ebenso in Kauf zu nehmen bereit ist wie ein bis an die Grenze gehendes privates Engagement. Die Anforderungen der Vorbereitungszeit (Entwicklung der fachlich begründeten Teilprogramme, Vorbereitung der organisatorischen Einzelheiten sowohl der Projektarbeit an den Schulen als auch der Begegnungen, Einzelbetreuung der Schülerinnen und Schüler bei den Projekten, Sammeln, Sichten und Bewerten der Projektprodukte, europäische Begegnungen einschließlich aller Übersetzungsleistungen, Bilanzierung und Revision der einzelnen Projektschritte und vieles mehr) sind bei einer normalen Unterrichtsbelastung nur unter besonderen Bedingungen zu leisten.

Präsentation bei der Gesamtkonferenz (mit Anke Ullrich)
Präsentation bei der Gesamtkonferenz (mit Anke Ullrich)

Für zukünftige Programmplanungen wäre deshalb vor allem darauf zu achten, dass das Zeitbudget großzügiger gestaltet und eine innerschulische Unterstützung und Sicherung für Schüleraktivitäten im Rahmen des Programms gewährleistet werden kann. Ansonsten sollten die Aktivitäten unmittelbarer an die Interessen der Zielgruppe anknüpfen, d.h. mit den Schülern gemeinsam erarbeitet werden und die Programm- und Projektdurchführung entkoppelt werden. Geht man von der Hoffnung aus, den größten Teil aller Schüler eines Jahrgangs oder einer Klasse mit einem Programm erreichen zu können, dann haben von Lehrkräften eingebrachte Ideen und erwartete Formen der Zusammenarbeit wenig Chancen auf Akzeptanz und Engagement aller angesprochenen Jugendlichen, wenn sie nur diejenigen ansprechen, die auch ohne ein solches Programm hochmotivierte (und leistungsfähige) Schüler sind.

Im Hinblick auf die interkulturelle Thematik von COMENIUS-Programmen sind abschließend noch erwähnenswert die Ergebnisse der freien Schülerbefragungen im internationalen Vergleich. Hier lassen sich z. T. deutliche Unterschiede darin feststellen, wie die Schülerinnen und Schüler aus den verschiedenen Herkunftsländern die Programm-Fragestellung „Junger Nachbar in Europa – wer bist du?“ in ihre Perspektive auf Fremdheit einordnen. Die Unterschiedlichkeit sollte ein Hinweis darauf sein, dass man bei der Zielsetzung in der Programmplanung sorgfältig beachten muss, was in den verschiedenen Ländern Europas jeweils darunter verstanden wird, um nicht Hoffnungen aufzusitzen, deren Enttäuschungen man vielleicht unerkannt organisatorischen Problemen zuschreibt.

Der komplette Bericht (im pdf-Format)