Die Strukturen des „Systems des Unfriedens“, werden nicht nur durch militärische, Ökonomische und. politische Faktoren bestimmt, sondern ebenso durch sozialpsychologische Gegebenheiten. Die Analyse dieser psychischen Ebene politischer Prozesse ist Forschungsschwerpunkt der Gruppe „Politische Psychologie und Friedenserziehung“. Dabei stellt sich eine doppelte Aufgabe: Zunächst ist die Untersuchung der Faktoren notwendig, die die gegenwärtigen Gewaltstrukturen in den Einzelgesellschaften und im internationalen System stützen und festigen und die sich als Hindernisse und Widerstände einer Friedenspolitik entgegenstellen. Daraus erst können in einem weiteren Schritt die Bedingungen einer möglichen Friedensfähigkeit bestimmt werden, also die psychischen Voraussetzungen friedlicher Interaktionen zwischen Menschen, Gruppen und Staaten.

Die Einwirkung psychischer Faktoren auf den politischen Prozess beginnt bei der Wahrnehmung der Realität. Politisches Handeln orientiert sich nicht unmittelbar an der realen Situation, sondern an der Wahrnehmung der Situation durch die Beteiligten. Vorurteile und Feindbilder sind Beispiele für deformierte Wahrnehmungen. Sie werden zu‘ Interpretationsmustern , die das Handeln beeinflussen und Realität nach dem Schema der „self-fulfilling prophecy“ verändern. Das gilt für alle Ebenen der Interaktion zwischen Individuen, Gruppen und Staaten. Deshalb gehören zu den Fragestellungen der Forschungsgruppe :

1. wie solche Wahrnehmungsmuster entstehen,
2. welche Strukturen sie haben,
3. wie sie auf den politischen Prozess einwirken und
4. wie sie verändert werden können,
5. wie Lernbedingungen didaktisch und methodisch gestaltet müssen, damit Wahrnehmungsverzerrungen den Betroffenen bewusst werden können.

Zu Beginn ihrer Tätigkeit konzentrierte sich die Forschungsgruppe auf die sozialpsychologischen Grundlagen der Entstehung und Strukturierung von Wahrnehmungsmustern. Hierbei wurden sowohl theoretische als auch empirische Zugänge gewählt, die von der Beobachtung des Konfliktverhaltens bei Schülern über die Analyse von Bundestagsdebatten und Schulbüchern bis hin zur Entwicklung eigener theoretischer Modelle zur Erklärung aggressiven Verhaltens reichten. Zusammenfassend lassen sich zwei Einflussgrößen beschreiben, die. die Wahrnehmung politischer Realitäten und das Verhalten in ihnen leiten: zum einen die besonderen lebensgeschichtlichen Erfahrungen jedes einzelnen, zum anderen alltagspraktische Erfahrungen, die gruppenspezifisch sind ( z. B . für eine bestimmte Berufsgruppe) . Deshalb werden bei der Einschätzung der „großen Politik“ auch solche psychische Mechanismen wie Verschiebung, Verdrängung, Projektion, Umkehrung ins Gegenteil u.ä. wirksam. Insbesondere das Thema „Äußere Sicherheit“ ist geeignet, derartige Übertragungen zu provozieren, weil die Problematik vom unmittelbaren Alltag weit entfernt ist und weil sie gleichzeitig existentielle Erfahrungen der Mensehen anspricht. Bei der Sicherheitspolitik geht es um Stärke, Schwäche, Überlegenheit, Unterlegenheit, Ohnmacht, Abhängigkeit, um Katastrophen und Vernichtungsgefahr. Die Vorstellungen und Emotionen, die sich an diese Symbole heften, werden mit der politischen Realität des gegenwärtigen Sicherheitssystems in der Regel nicht konfrontiert. Auf der anderen Seite bestätigen sie sich jedoch in den Alltagserfahrungen immer wieder neu. Auch im Alltag werden die Ursachen von Bedrohungsvorstellungen und Ängsten häufig nicht durchschaut.. Vielmehr werden gerade solche Erfahrungen und Einsichten verdrängt, die die Übereinstimmung der Menschen mit ihrer Umwelt in Frage stellen könnten.

Die Aufklärung über Mechanismen der Wahrnehmungsverzerrung kann helfen, gegen Vorstellungen von der Wirklichkeit zu immunisieren, die von Hass und Feindschaft bestimmt sind. Dabei kann es nicht nur darum gehen, über die Realität zu informieren, sondern auch die Prozesse zum Gegenstand zu machen, die zu solchen Übertragungen führen.

Das zweite Anliegen der Forschungsgruppe ist es daher, Methoden zu entwickeln, mit denen die Aufklärung politischen Bewusstseins auch handlungswirksam wird. Was die Forschungsgruppe . „Politische Psychologie und Friedenserziehung“ selbst in empirischen Projekten erprobt hat, reicht von Spielverfahren für Kinder und Erwachsene (kooperative GeseIlschaftsspiele, Planspiele, therapeutische Spielformen) über Gruppendiskussionsverfahren mit den unterschiedlichsten Adressaten (Hausfrauen, Manager, Bundeswehroffiziere usw.) bis zu Modellseminaren für die Erwachsenenbildung und speziell die Lehrerfortbildung . Es stellte sich heraus, dass die wissenschaftlich formulierten Ergebnisse der Friedensforschung in den wenigsten Fällen geeignet sind, emotionale und politische Lernziele aufeinander zu beziehen. Neben der Ausarbeitung und Erprobung methodischer Anregungen für Lernsituationen arbeitet die Gruppe daher auch an didaktischen Materialien, die solchen Methoden angemessen sind. Mit den Methoden und den Materialien knüpft die Gruppe an die in der Schule und der Erwachsenenbildung vorfindbaren Lernbedingungen an.

Eine Forschungsgruppe, die so unmittelbar an Alltagskonflikten arbeitet, wird häufig von außen mit Anfragen konfrontiert, die z. B. saisonal gehäuft auftreten (Weihnachten = Kriegsspielzeug) oder tagespolitischen Interessen entstammen (Jahr des Kindes = Gewalt in der Familie). Dies führte immer wieder zu Projekten, die kurzfristig und praxisnah angelegt waren und die Forschungsgruppe dazu zwangen, die Relevanz ihrer Methoden und Fragestellungen für die Förderung der Friedensfähigkeit im Alltag ständig zu überprüfen.