(mit Urte Finger-Trescher)

Obwohl interkulturelle Erziehung inzwischen eine relativ lange Tradition hat, ist bis heute offen, ob und wie Menschen aus fremden Kulturbereichen in die deutsche Kultur integriert werden können. Eines hat sich jedoch abgezeichnet: Der erzieherische Zugang setzt das Interesse an den „fremden“ Menschen voraus, und die Auseinandersetzung mit der eigenen kulturellen Identität ist gefragt. Das Zusammenwachsen verschiedener Kulturen zu etwas Gemeinsamem findet als politischer Prozeß in der Europäisierung statt. Er ist inzwischen in ein Stadium getreten, in dem trotz erheblicher Fortschritte in den letzten Jahren die Zweifel gewachsen sind, daß es gelingen könnte, die europäischen Kulturen zu einem gemeinsamen Sozialwesen zu vereinigen. Ähnlich wie in der interkulturellen Erziehung steht auch hier die nationale Perspektive und Interessenlage zur Disposition.

Interkulturelle Erziehung und Europäisierung wurden bisher isoliert betrachtet. Gleichwohl könnten beide Prozesse voneinander profitieren, die interkulturelle Erziehung von den Erfahrungen, die in den Annäherungsversuchen „gleichwertiger“ Kulturen gemacht werden und die Europäisierung von den Erfahrungen der Möglichkeiten bisheriger interkultureller Begegnungen.

Annäherung an das Fremde und Kompromißbildung mit den Fremden – ob in der Erziehung oder im Versuch, eine gemeinsame Planung der politischen Zukunft zu organisieren – sind bisher nicht in ausreichendem Maß theoretisch begründet worden. Dies vor allem im Hinblick auf sozialpsychologische und entwicklungspsychologische Aspekte. Die Bedeutung der Bindung an die Gruppe im Sozialisationsprozeß und die Voraussetzungen zur Entwicklung nationaler Identität sind entscheidende Themen, die man bei der Planung interkultureller Erziehung und dem Aufeinanderzugehen in Europa berücksichtigen sollte. Dabei läßt sich sagen, daß die Auseinandersetzung mit dem Fremden umso konstruktiver verläuft, je sicherer man sich seiner eigenen Kultur und seiner eigenen persönlichen Identität ist.

Im konkreten Erziehungsgeschehen, etwa der Vorschulerziehung, erweisen sich die bisherigen interkulturellen Konzepte oft als Goodwill-Aktionen. Da selten oder nie die eigene Identität der Erzieherinnen und Erzieher in Frage gestellt wird, kommt es auch selten oder nie zu einer Kompromißbildung zwischen der deutschen und der fremden Kultur im Hinblick darauf, wie weit das Fremde in das Eigene integriert wird. Die europäische Erfahrung von Fremdheit, etwa so, daß man in einem fremden europäischen Land Kollegen und Konzepte studiert (mit denen man sich früher oder später arrangieren muß), kann sehr hilfreich sein, um auch zu neuen Perspektiven interkultureller Beziehungen zu kommen.

Ob es zu einer europäischen Identität kommt, die, ähnlich wie im Schmelztiegel Amerika, eine multikulturelle Gemeinsamkeit ausdrückt, ist allerdings fraglich. Wenn auch die bestehenden nationalen Verhältnisse in den meisten europäischen Ländern multikulturell durchsetzt sind, so haben doch die Nationalstaaten (mithin auch die sie stützenden nationalen Identitäten) immer noch eine außerordentlich wichtige Funktion: Sie sind die bisher besten Garanten für die Sicherheit ihrer Bürger und sind Garanten für die Wahrung der Menschenrechte.

Die Studienergebnisse sind im Detail beschrieben in: Erziehung für Europa.