(mit Eberhard Meyer)

Modellversuch, der mit Mitteln der Bund-Länder-Kommission für Bildungsplanung und Forschungsförderung am Hessischen Institut für Lehrerfortbildung in Zusammenarbeit mit der Hessischen Stiftung für Friedens- und Konfliktforschung durchgeführt wurde

„Wenn es zur Problematik gehört, daß sich eine Gruppe von Heranwachsenden durch nichts und niemanden davon abhalten läßt, sich die Gewalt- und Horrorvideos zu beschaffen und anzusehen, so ist ein Verständnis dieser Faszination wohl nur dann zu erreichen, wenn man sich selbst ein Stück weit für die Prozesse öffnet, die diese Streifen bei den Sehern auslösen. Anders gesagt: Nicht die kritische Auseinandersetzung, die didaktische Reflexion, sondern das Sich-Aussetzen, der Versuch, über die eigenen Erfahrungsweisen den Produkten und den psychischen und den Gruppenerlebnissen auf die Spur zu kommen, die das Substrat dieses gesellschaftlichen Auswuchses bilden, ist dann die adäquate Zugangsweise.

Es läßt sich vorstellen, welche Bereitschaften und Toleranzen, Fähigkeiten des Ertragens und Umgehens mit den eigenen und anderen Reaktionen einer solchen Annäherung den Beteiligten abverlangt, welche Schwierigkeiten auftreten, einen solchen Erfahrungsprozess bei Lehrern zu balancieren, welcher Versuchung permanent zu widerstehen ist, der unappetitlichen Materie und den Aussetzungen der eigenen Person in der Gruppe zu entkommen.

Je intensiver die prinzipiellen Ansprüche allerdings verfolgt werden – Klärung der eigenen Verwicklung in die Thematik; Verstehen der psychischen und sozialen Ursachen des Phänomens; Suche nach Möglichkeiten, mit den betroffenen Jugendlichen gesprächsfähig zu werden; handlungsfähig zu bleiben angesichts der Konfrontation mit den abgründigen und wenig veränderbaren psychischen und gesellschaftlichen Konstellationen und dem eigenen pädagogischen Anspruch … umso deutlicher wird, dass es in der Lehrerfortbildung vor allem um die Eröffnung von Spielräumen gehen muss, sich eigene Zugangsweisen zu verschaffen: mit den Angeboten von Fortbildungsveranstaltungen wiederum die Formen und Vorgehensweisen zu erkunden, die den eigenen Möglichkeiten und den angetroffenen Verhältnissen (Umfeld des Fortbildungsangebots, Zusammensetzung der Gruppe, institutionelle Rahmenbedingungen …) entsprechen, weniger um die Entwicklung und Empfehlung modellhafter Strukturen.

So gesehen liegt die Übertragbarkeit der in den Modellversuch entwickelten Modelle in den Anstößen, die sich – den grundlegenden Ansatz vorausgesetzt – aus der Vielfältigkeit der dokumentierten Varianten ergeben. Die vorliegende Studie handelt von einem Aspekt der Gewalt in unserer Gesellschaft. Wie wir mit Gewalt umgehen, ist ein Index dafür, wie es mit unserer Friedensfähigkeit steht. In der Arbeit wurde deutlich, wie schwierig es ist, der Ausgrenzung der Gewaltphänomene zu widerstehen, also sie als ein Problem der anderen, in diesem Falle einer Gruppe von Jugendlichen zu sehen. Wir müssen unsere Verstrickung in die alltägliche, gesellschaftliche Gewalt spüren, wie wir eingebunden sind in die manifesten und geheimen Prozesse, in denen Gewalt produziert und transformiert wird. Die Arbeit sollte gelesen werden als ein Versuch, uns sensibler zu machen für die vielfältigen Prozesse der Gewalt, die unsere Gesellschaft durchwirken.“

Wolf-Peter Betz, Stellvertr. Direktor des HILF

Hans Nicklas, Forschungsgruppenleiter der HSFK

Folgende Veröffentlichungen gehen auf den Modellversuch zurück:

Rambo im Klassenzimmer

Videohorror, Schule und Gewalt