(mit Rüdiger Beier, Hans Nicklas und Marga Orban-Plasa)

Die Kinderspielplätze in Frankfurt waren in den letzten Jahren immer wieder Gegenstand heftiger Konflikte. Die Fraktion der SPD im Frankfurter Stadtparlament regte deshalb eine Untersuchung der Konfliktursachen und der Möglichkeiten an, diese Konflikte zu vermindern oder zu vermeiden. Die Untersuchung wurde im Dezember 1977 abgeschlossen.

Es ging zunächst darum, die Konfliktfronten und die Konfliktursachen zu ermitteln. Als Methoden wurden die teilnehmende Beobachtung und das Interview eingesetzt. Da es um die Ermittlung typischer Konfliktursachen und die Möglichkeit ihrer Beeinflussung ging, wurde auf Repräsentativität des Samples verzichtet. Die Untersuchung ergab, dass bei den Konflikten um und auf Spielplätzen eine ganze Reihe von Faktoren zusammenwirken.

Die Konflikte müssen im Zusammenhang einer größeren Entwicklung gesehen werden:

Die Überflutung der Großstädte durch den Verkehr und die Verdichtung der Bebauung haben dazu geführt, dass die Stadtlandschaft, die Straßen und die öffentlichen Verkehrsflächen immer mehr die Funktion verlieren, Spielräume für Kinder zu sein. So wurden den Kindern die bevorzugten Plätze des Spiels genommen und sie wurden in den umzäunten Bezirk des Spielplatzes gedrängt.

Diese Entwicklung hat eine gewisse Zwangsläufigkeit. Die Struktur der Stadt wird immer mehr vom Autoverkehr geprägt, und so müssen die Spielflächen so geplant werden, dass sie vom Verkehrsbereich streng getrennt sind und geschützte Freiräume ausschließlich für die Kinder bilden. Kinder aber bevorzugen das freie, spontane Spiel und empfinden die Abtrennung des Spielplatzes als eine Ausgrenzung vom „richtigen“ Leben, an dem sie gerne teilnehmen möchten. Diese Art der unlebendigen Kasernierung kindlicher Lebensbedürfnisse kann nicht konfliktfrei ablaufen. In die aggressiven Auseinandersetzungen, zu denen sie Anlass gibt, gehen zahlreiche von der Spielplatz-Situation zunächst unabhängige Konflikte mit ein und verstärken sie, z.B. der Konflikt zwischen Gastarbeitern und Deutschen, zwischen Älteren und Kindern, zwischen Kinderlosen und Kinderreichen usw.

Konflikte zwischen den Kindern

Hier gibt es verschiedene Konfliktebenen:

a) Konflikte zwischen Kindern verschiedenen Alters.

Größere Kinder benutzen kleinere Kinder als Objekt ihrer Aggressionen, kleinere Kinder fühlen sich durch größere in ihren Spielmöglichkeiten eingeschränkt. Generell bestehen zwischen den Bedürfnissen der verschiedenen Altersgruppen Unterschiede und Gegensätze; Konflikte sind also unvermeidbar. Bei unseren Beobachtungen auf den Spielplätzen ergab sich, dass die Konfliktfähigkeit der Kinder außerordentlich gering entwickelt ist; d.h. die Kinder besitzen kaum Möglichkeiten, Konflikte anders als durch Gewalt zu lösen, also durch Verhandeln, Kompromiss oder Tausch. Dies stimmt mit den Ergebnissen überein, die wir in unserem Schulprojekt mit Fünf jährigen an Frankfurter und Offenbacher Schulen gewonnen haben.

Ein besonderes Problem stellen die Halbwüchsigen dar. Sie wollen nicht mehr spielen sondern sie suchen einen „Treffpunkt“, an dem sie relativ ungestört von der oft beengten häuslichen Verhältnissen gemäß ihrer Entwicklungsstufe sich mit ihren Mopeds sehen lassen, lautstarke Gespräche führen, Kofferradio hören und erste Kontakte mit dem anderen Geschlecht anbahnen können. Für die Befriedigung solcher Bedürfnisse bietet eine moderne Großstadt kaum Freiraum.

b) Konflikte, bedingt durch verschiedenes Sozialverhalten.

In Frankfurt ist seit Ende des Zweiten Weltkrieges eine erhebliche Verschiebung in der Sozialstruktur der Wohnviertel eingetreten. Ehemals sozial homogene Wohnviertel haben im Zuge des Wiederaufbaus diesen Charakter verloren. Verschiedener Sozialstatus bedingt verschiedenes Sozialverhalten, das sich bis in das Spielverhalten der Kinder auswirkt.

c) Konflikte zwischen deutschen und ausländischen Kindern.

Ein erhebliches Konfliktpotential ergibt sich aus der Situation von Kindern ausländischer Arbeiter in Frankfurt. Die Zahl der ausländischen Arbeiter ist in der letzten Zeit eher zurückgegangen, aber es findet eine zunehmende Konzentration in einzelnen Stadtteilen – etwa im Nordend oder im Gallusviertel – statt.

Als besonderes Problem erweisen sich die ausländischen Halbwüchsigen. Ihre Situation ist deshalb besonders schwierig, weil sie kaum in das deutsche Bildungs- und Ausbildungssystem integriert und ihre Berufschancen außerordentlich gering sind. Sie zeigen typisches Randgruppenverhalten mit allen Konsequenzen des Nichtangepasstseins und des daraus resultierenden Protestverhaltens, das durch die Reaktion der deutschen Kinder und Erwachsenen nur noch verstärkt wird. Besonders kritisch wird die Situation sowohl für die Anwohner als auch für die Kinder auf den Spielplätzen, wenn sich solche Jugendlichen zu Gangs zusammenschließen und von Spielplätzen Besitz ergreifen.

Konflikte zwischen Kindern und Erwachsenen

Als Hauptbelästigung, die von den Spielplätzen ausgeht, empfinden die Anwohner den Lärm. Dabei wird der Spielplatz sehr häufig nicht als die Hauptlärmquelle empfunden, sondern die Tatsache, dass der Spielplatzlärm zusätzlich zu dem anderen Lärm hinzukommt, ist der Grund dafür, daß sich die Anwohner gegen die Errichtung eines Spielplatzes aussprechen. Eine große Zahl der Befragten fühlen sich als „Lärmgeschädigte“. Als lästige Lärmquelle gaben sie an erster Stelle den Straßenlärm an. Es wurden aber auch Gaststätten bzw. Trinkhallen genannt, in einzelnen Fällen sogar Hunde. Für manche Anwohner stellt selbst der Taubenlärm eine Belästigung dar.

Es scheint eine unterschiedliche Einstellung zu den verschiedenen Lärmquellen zu geben. Der Verkehrslärm wird wie ein Naturereignis als unabänderlich angesehen. Man resigniert und nimmt ihn hin. Auch der Lärm, der von Gewerbeunternehmen, etwa Autoreparaturwerkstätten, erzeugt wird, hat nach Auffassung der Anwohner ein gewisses Recht. Kinderspielplätze scheinen in die Kategorie des nicht ohne weiteres geduldeten Lärms zu gehören. Allerdings wäre hier auch eine andere Interpretation denkbar: der Verkehrslärm oder der gewerblich erzeugte Lärm ist kaum zu beseitigen, bleibt also als einzige Lärmquelle, auf die man Einfluss nehmen kann, der Kinderspielplatz.

Eine weitere Konfliktmöglichkeit bilden verschiedene Vorstellungen von Erwachsenen über die Funktion von Spielplätzen (traditioneller Spielplatz / Abenteuerspielplatz) oder die verschiedenen Bedürfnisse von Eltern mit mehreren Kindern und Menschen ohne Kinder oder von alten Leuten. Aus diesen – hier nur ganz knapp angedeuteten Ursachen der Konflikte um Spielplätze wurden eine Reihe von mittel- und kurzfristig zu realisierenden Vorschlägen entwickelt, die hier ebenfalls nur stichwortartig dargestellt werden können.

Spielplatzplanung

Die heute vorhandenen Spielflächen sind in der Regel von der städtischen Umwelt streng getrennte und geschützte Freiräume, die ausschließlich dem Kinderspiel vorbehalten sind. Dies hat zur Folge, dass die Spielplätze, besonders bei beengten Platzverhältnissen, gettoartigen Charakter annehmen und bei den Kindern aggressives Verhalten produzieren. Langfristiges Ziel wäre, durch die Verbindung von Spielplätzen, Grünanlagen und Fußgängerbereichen wieder so etwas wie eine Stadtlandschaft entstehen zu lassen, in die sich die spielenden Kinder zwanglos einordnen. Mit solchen „Spielplatzsystemen“ würden gleichzeitig mehrere der oben angesprochenen Probleme bzw. Konfliktursachen beseitigt: infolge der allgemein geringeren Lärmbelästigung der Anwohner wären deren Lärmtoleranz gegenüber Kinderspielplätzen wesentlich höher, weil der von ihnen ausgehende Lärm nicht mehr als unerträgliches I-Tüpfelchen erscheinen wurde; Kinder unterschiedlichen Alters und mit unterschiedlichem Sozialverhalten hätten wieder mehr Möglichkeiten, sich an unterschiedlichen Stellen zu treffen und ihre Bedürfnisse zu befriedigen, ohne diejenigen anderer Kinder zu frustrieren.

Das Problem der nicht integrierten halbwüchsigen Ausländer wäre allerdings auf diese Weise bestenfalls teilweise zu lösen, weil davon ausgegangen werden muss, dass solche Halbwüchsigen-Gangs Kinderspielplätze auch dann heimsuchen würden, wenn dazu kein unmittelbarer Zwang aus der Raumsituation heraus mehr gegeben wäre.

Es gibt in Frankfurt zahlreiche Ansatzmöglichkeiten für solche Spielplatzsysteme“, besonders dort, wo Spielplätze in Grünanlagen liegen oder an solche angrenzen. Die Entwicklung solcher zusammenhängender Stadtlandschaften, die vor allem den Kindern und den Fußgängern vorbehalten sind, setzt natürlich autofreie Zonen voraus.

Das Ergebnis unserer Untersuchung, dass der gehäuse- oder käfigartige Charakter von Spielplätzen eindeutig aggressionsfördernde Wirkung hat, stimmt im übrigen mit einer Reihe von psychologischen Untersuchungen überein.

Beteiligung der Anwohner an der Spielplatzplanung

Unsere Untersuchung hat ergeben, dass die Beteiligung der Anwohner an der Planung eines Spielplatzes, wenn dieser bereits beschlossen ist und die Pläne offen gelegt werden, wenig zur Verminderung der Konflikte beiträgt. Auch die Beteiligung zu einem früheren Zeitpunkt der Planung hat oft nicht das gewünschte Ergebnis. Vielmehr zeigt sich oft eine gegenteilige Wirkung: Die Information der Bürger und die Konfrontation mit den Plänen verstärkte häufig die ablehnende Haltung der Anwohner. Eine Beteiligung der Bürger am Planungsprozess und ihre umfassende Information vermag offenbar nur dann die erstrebte positive Einstellung der Anwohner zum Spielplatz zu erzielen, wenn dabei wirkliche Strukturänderungen im oben beschriebenen Sinne zur Debatte stehen. Darüber hinaus könnte eine stärker positive Einstellung zu Spielplätzen dadurch werden, dass an der bei den Bürgern der Stadt deutlich vorhandenen positiven Identifikation Stadt und dem eigenen Stadtviertel angeknüpft wird.

Die Betreuung der Spielplätze Eine Ursache für das aggressive Verhalten von Kindern und Jugendlichen auf Spielplätzen scheint ein gewisser Mangel an Phantasie und Kreativität im Spielen zu sein. Es sollen hier nicht die Grunde dieser weit verbreiteten Einfallslosigkeit und geringen spielerischen Aktivität diskutiert werden. Sicher trägt die durch das Fernsehen hervorgerufene Konsumentenhaltung dazu bei. Die Spielplätze müssen offensichtlich ein größeres Angebot an Spielideen und Spielmöglichkeiten bringen. Es müssten verstärkt etwa abgegrenzte Felder mit verschiedenfarbigen Bodenplatten angeboten werden, die zu Gruppenspielen anreizen. Eine Möglichkeit wäre das Anbringen von Tafeln mit Spielbeschreibungen und Spielregeln, ähnlich den Tafeln der Trimm-Dich-Pfade.

Der große Erfolg des Spielbus, der einhellig positiv beurteilt wird, hängt sicher mit dem dargestellten Sachverhalt zusammen. Es wäre zu prüfen, ob man nicht versuchsweise an einigen Spielplätzen einen „Jour fixe“ einführen sollte, an dem Spielplatzbetreuer Anregungen und Spielideen anbieten. Bei diesem Jour fixe könnten auch die Anwohner oder Jugendgruppen beteiligt werden. Die Betreuer sollten als „play leader“ Anregungen für differenziertere Einzel- und Gruppenspiele bieten, die dann von den Kindern auch an den nichtbetreuten Tagen gespielt werden könnten: an solchen Betreuungstagen könnte auch der Versuch gemacht werden, deutsche und ausländische Kinder zu integrieren. Alle bisherigen Erfahrungen haben gezeigt, dass ohne eine solche Betreuung keine Integration möglich ist.

Die Ergebnisse des Projekts wurden für die Stadt Frankfurt am Main unter dem Titel „Konfliktfeld Spielplatz. Ergebnisse einer Analyse in Frankfurt“ zusammengefasst.

© HSFK Frankfurt 1977