Das Pilotprojekt des Amtes für multikulturelle Angelegenheiten der Stadt Frankfurt (AmkA) „Sprach- und Orientierungskurse für neu zuziehende Ausländerinnen und Ausländer“ bot zum Zeitpunkt der Projektinstallation ein mit dem Berechtigungsschein für einen Sprachkurs verknüpftes kostenloses, muttersprachliches Orientierungskursangebot für neu ankommende Migrantinnen und Migranten. Auf diese Angebote wurden die Zuwanderer von Beamten hingewiesen, die an den entsprechenden Ankunftsstellen in Ämtern arbeiten und auf diese Aufgabe in einem halbtägigen Kurs vorbereitet wurden. Die Beamten bekamen dazu eine Begrüßungsmappe in den Pilotprojektsprachen Englisch, Türkisch, Arabisch, Italienisch, Spanisch, Russisch, Serbisch, Kroatisch. In dieser Begrüßungsmappe gab es einen Adressabschnitt, mit dem sich die Migrantinnen und Migranten anmelden konnten. Weitere Zugangswege waren u.a. Informationen, die über Migrantenorganisationen weitergegeben werden sowie eine Mund-zu-Mund-Propaganda.

Die Koordination für die Weitervermittlung in die Sprach- und Orientierungskurse lag beim Amt für multikulturelle Angelegenheiten der Stadt Frankfurt. Kooperationen mit Sprachkursanbietern und Organisationen, die Integrationshilfen anboten, sowie den Ämtern, die in die Aufnahmeroutinen eingebunden waren, hatten dazu geführt, dass das Projekt die kommunalen Ressourcen nutzen konnte. Die Sprach- und Orientierungskurse wurden in der Regel in den Räumen der kooperierenden Bildungsträger durchgeführt.

Die wissenschaftliche Begleitung durch die HSFK beschränkte sich auf die Orientierungskurse, soweit sie vom AmkA konzipiert, angeboten und begleitet wurden. Ziel ist eine exemplarische Beschreibung und Bewertung der Orientierungskursangebote mit u.a. folgenden Fragestellungen: Was wurde von den Migrantinnen und Migranten und den Kursleitungen als hilfreich empfunden, wie bezieht sich dies auf die spezifischen Lebensumstände (Lebens- und Berufskontext, Vorerfahrungen, persönliche Stabilität etc.) und ihre Zukunftsperspektive? Was war hinderlich? Was sollte man nach Meinung von Migrantinnen und Migranten und Orientierungskursleiterinnen und -leitern in Zukunft probieren oder verändern?

Durch die Befragung einzelner mit den Sprach- und Orientierungsangeboten befasster Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Ämtern und Organisationen wurden sensible Elemente der „Begrüßung“ von Migrantinnen und Migranten genauer untersucht. Hierbei ging es u.a. um die Frage der optimalen Nutzung von Ressourcen, die Gestaltung curricularer Elemente eines Eingliederungsangebotes, aber auch um die institutionell-organisatorischen und individuellen Voraussetzungen.

Im Kernbereich der wissenschaftlichen Begleitung stand die Befragung ausgewählter Migrantinnen und Migranten zu ihren Erfahrungen mit den jeweils gewählten Orientierungshilfen sowie ausgewählter Kursleiterinnen und -leiter in Form eines halbstrukturierten Interviews. Wesentliche Gesichtspunkte waren: Was empfanden Kursleiterinnen und -leiter, Migrantinnen und Migranten als hilfreich, wie bezogen sich die curricularen Elemente der Orientierungskurse auf die spezielle Lebenssituation der Migrantinnen und Migranten (Lebens- und Berufskontext, Vorerfahrungen, persönliche Stabilität und Zukunftsperspektiven) und auf die didaktischen Vorerfahrungen und Voraussetzungen der Kursleiterinnen und -leiter? Was war förderlich, was war hinderlich? Was sollte man in Zukunft probieren?

Die wissenschaftliche Begleitung wurde in Zusammenarbeit mit dem Studienschwerpunkt „Vertrautheit und Fremdheit“ an der Ev. Fachhochschule Darmstadt (Leitung: Prof. Dr. Cornelia Mansfeld) durchgeführt. In diesem Rahmen entstand auch die Diplomarbeit von Jochen Böhler: „Soziales und politisches Engagement von Migrantinnen und Migranten in deutschen Organisationen: Sein Beitrag zur Integration und Folgerung für die interkulturelle soziale Arbeit“, auf die in der Vorstudie Bezug genommen wird. Die Interviews in der Anfangsphase des Projektes führten Claudia Heiler (Ev. Fachhochschule Darmstadt, EFH) und Zebiba Teklay (Universität Gießen). In die wissenschaftliche Begleitung dieses Zeitabschnittes waren weiterhin Frau Dorothee Dietrich (Universität Trier) und Gülcan Serin (Ev. Fachhochschule Darmstadt) eingebunden. Die Interviews mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Bildungsinstitutionen sowie den Kursleiterinnen und -leitern führte ich selbst durch. Die muttersprachlichen Interviews mit den Migrantinnen und Migranten wurden von Antonieta Gonzalez, Magdalena Kladzinski, Hanna Robisch, Zeynep Gülsin und Sobiha Ouataleb geführt. Cornelia Mansfeld betreute die studentischen Hilfskräfte der EFH. Sie waren Teilnehmerinnen des Studienschwerpunkts, den Cornelia Mansfeld gemeinsam mit Birgit Bender-Junker leitete.

Die Projektgestaltung erwies sich aus der Perspektive der wissenschaftlichen Begleitung anfänglich teilweise als etwas unübersichtlich (ein Mitarbeiter eines Bildungsträgers begründete seine Geduld und sein Wohlwollen gegenüber einigen kritischen Abschnitten der Anfangszeit mit seiner Erfahrung, dass man bei solchen Projekten immer mit einem chaotischen Anfang rechnen müsse): Die anfänglich ausgewiesene Begrenzung des AmkA-Vorhabens auf ein „Pilotprojekt“ mit einem definierten Umfang wurde nach und nach so ausgeweitet, dass es z.T. schwierig war, eine verlässliche Planung der wissenschaftlichen Begleitung und der entsprechenden Arbeitschritte durchzuführen. Dies betraf zum einen die Übernahme von Aufgaben, die die kooperierenden Trägerorganisationen zu integrieren versuchten (etwa in die Entwicklung eines Sprach- und Orientierungscurriculums), zum anderen die Organisation sowohl der Kurse für die Sprach- und Orientierungskursleiterinnen und -leiter und der Sprach- und Orientierungskurse für die Migrantinnen und Migranten. Mit diesen Schwierigkeiten der einzelnen Projekt-Kooperationspartner einschließlich der wissenschaftlichen Begleitung gingen in den letzten beiden Jahren verstärkte politische Auseinandersetzungen um die Sprachförderung von Migrantinnen und Migranten einher (wer darf wie anbieten, wer bezahlt, wer organisiert?), die auch die Projektarbeit selbst teilweise unverhältnismäßig erschwerten.

Die Vielfalt der einzelnen Migrationsschicksale (Herkunft, Bildungsstand, Lebenssituation etc.) einerseits sowie die Unwägbarkeiten im Hinblick auf Anzahl und Herkunft potentieller Teilnehmerinnen und Teilnehmer andererseits trugen zu laufenden Überarbeitungen des Projektkonzepts bei, bis es sich zu dem jetzigen Modell stabilisiert hatte:

„Die Orientierungskurse (ca. 40 Unterrichtsstunden) liefern erste wichtige Informationen über die Stadt Frankfurt am Main, deren Institutionen und öffentliche Einrichtungen. Es ist beabsichtigt, die Teilnehmer/-innen mit erstem Basiswissen beim Einstieg ins Alltagsleben zu unterstützen. Die Kurse vermitteln zudem erste Kenntnisse über das Rechtssystem und die Gesellschaftsordnung der Bundesrepublik Deutschland. Sie werden herkunftssprachlich durchgeführt. Schließlich dienen die Kurse der Aushändigung von Berechtigungsscheinen für Sprachkurse an die Teilnehmer/-innen und deren Einweisung in den Umgang mit Unterlagen zur Auswahl von Kursanbietern.“ (Sachstandsbericht des AmkA, 7/2003)

Eine der zentralen Herausforderungen des Projektes bestand und besteht darin, zwischen den Anforderungen des Aufnahmelandes an (möglichst rasche) Orientierung, den je unterschiedlichen persönlichen Herangehensweisen der Migrantinnen und Migranten an Orientierung (was das Tempo und die Überwindung von Fremdenangst angeht), sowie den durch die Orientierungskursleiterinnen und -leiter entstehenden Überschneidungen des Kurskonzeptes mit sprachlichen, geschlechtsgebundenen und persönlichkeitsbezogenen Besonderheiten gerecht zu werden und einen didaktischen Kompromiss zu finden. Bei diesen Problemstellungen konnten die Kompetenzen und Ressourcen der örtlichen Träger nach und nach so eingebunden werden, dass heute mit dem AmkA-Projekt ein stabiles und von den Adressaten wie auch von den Orientierungskursleiterinnen und -leitern durchgängig positiv beurteiltes Angebot gemacht werden kann.

Insgesamt lässt sich sagen, dass die in Frankfurt geschaffenen Grundlagen für eine Integrationsförderung von den Migrantinnen und Migranten mit großem Erfolg genutzt werden und für die Bearbeitung von Integrationsproblemen – so weit sie eine erste Orientierung im Aufnahmeland betreffen – angemessen sind. Die Offenheit des Curriculums, die Chance, mit muttersprachlichen Kursleiterinnen und -leitern den jeweiligen z.T. höchst unterschiedlichen Zugängen und der Anfangsunsicherheit bei den ersten Schritten der Migrantinnen und Migranten gerecht werden zu können, die Möglichkeit der Nutzung informeller Kontakte zu den Kursleiterinnen und -leiter während und nach den Kursen trägt wesentlich dazu bei, dass dieses Angebot der Stadt Frankfurt eine wesentliche Integrationshilfe darstellt.